Reisebericht Angola Der Süden - Weltenbummler Shumba - Weltreise mit dem Allrad Reisemobil

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Reisebericht Angola


Teil I - Der Süden

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Teil I >  Ruacana - Binga Bay           01.07.- 24.07.2017         1.982 km

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Als wir am Grenzposten in Ruacana ankommen, ist die Ausreise schnell erledigt. Nur der Zollbeamte, der unser Carnet abstempeln soll, muss erst aus der nächsten Grenzstation, Omahenene, angefordert werden. Es dauert etwa 45 Minuten bis er eintrifft.

Wir hatten eine gewohnt unkomplizierte Ausreise aus Namibia erwartet. Doch dieser Zollbeamte ist alles andere als unkompliziert. Er will unser Carnet erst abstempeln, wenn Angola uns auch sicher ins Land lässt. Also gehen wir, 6 Personen, an die angolanische Grenze und checken mit dem dortigen Zollbeamten, ob das Carnet dort akzeptiert wird. Ja, es wird akzeptiert, nur brauchen wir zudem ein „temporary import paper“. Gegen die Bezahlung von 6.336 Kwanza, umgerechnet ca. €16, ist das für uns kein Thema. Der namibische Beamte zeigt sich zufrieden. Also marschieren wir wieder zurück auf die namibische Seite. Jetzt bekommen wir alle Stempel, tragen uns noch in das Ausreisebuch ein. Und dann will er zu allem Überfluss auch noch in die Motorradkiste schauen. Das war übrigens das erste Mal seit der Grenze in den Iran, dass wir das Motorrad vorzeigen mussten. Noch nie haben wir an einer namibischen Grenze zwei Stunden gebraucht.                                         

Dagegen ist die Einreise in Angola problemlos. Wir füllen bei der Immigration ein Formular aus, bezahlen beim Zoll besagte 6.336 Kwanza, gegen Quittung versteht sich, erhalten ein entsprechendes Einreiseformular für das Fahrzeug, und alles ist erledigt. Anschließend noch ein sporadischer Check des Fahrzeuges und wir werden freundlich verabschiedet. Auf einer schmalen Schotterstraße bewegen wir uns ins Landesinnere, immer daran denkend, dass wir ab sofort wieder rechts fahren müssen. Nach drei Jahren Linksverkehr ist es gar nicht so einfach.

Vor uns liegt ein Land, das dreimal so groß wie Deutschland ist und in dem bis ins Jahr 2002 circa 40 Jahre Bürgerkrieg geherrscht hat. Ein Land, das immer noch zu den am meisten mit Landminen verseuchten Ländern der Erde zählt. Ein Land, das in Sachen Korruption einen absoluten Spitzenplatz hält. Jährlich verschwinden zig Millionen US$ aus dem ertragreichen Ölgeschäft, trotz Ölpreisverfall, während ein sehr großer Teil der Bevölkerung nicht weiß, von was er leben soll. An dieser Stelle sei bemerkt, dass die Tochter des derzeitigen Präsidenten Santos offiziell als die reichste Frau Afrikas gilt. Ja, wir sind ganz gespannt auf Angola!

Gleich in dem ersten Ort, den wir erreichen, Calueque, werden wir lauthals angesprochen, ob wir Geld wechseln wollen. Der Schwarzmarkt funktioniert also prima. Wir bekommen 360 Kwanza für einen US$, zum offizielle Wechselkurs gibt es nur 175 Kwanza für einen Dollar. Auf holprigen Pisten schaukeln wir weiter in den ersten größeren Ort, Xangongo. Es ist Sonntag, viele Geschäfte haben geschlossen und es ist sehr ruhig auf den Straßen. Wir erschrecken wegen dem Müll, der hier überall in Unmengen herumliegt, einfach nur grausam. In Calueque dachten wir noch, das wäre dort eine Ausnahme.

Auf der hier beginnenden, sehr guten, Teerstraße kommen wir zügig voran. Schnell fällt uns die Herzlichkeit auf, mit der uns die Menschen begegnen. Jederzeit bereit für ein Schwätzchen und ein offenes Lachen, auch, wenn das auf Grund unserer mangelnden Portugiesisch Kenntnisse häufig nicht sehr ausführlich ist, aber das stört nicht.

Am Morgen besuchen uns zwei Männer am LKW. Sie sind von einem naheliegenden Dorf. In einigem Abstand haben sie geduldig gewartet, bis wir um 07.00 Uhr endlich aufgestanden sind. Nachdem sie sich bereits vorher mit mehrmaligem „morro morro“ bemerkbar gemacht hatten. Klaus, als „Hausherr“, geht Händeschütteln. Mit einem Knicks (!) wird die Begrüßung freundlichst erwidert. Wir kramen in unserem portugiesischen Sprachschatz und erklären, dass wir aus Deutschland sind, nur hier geschlafen haben und weiter nach Lubango wollen. „Alemanha?! Bem Bem“, dem „gut, gut“ folgt eine zaghafte Frage nach Essbarem und Alkohol. Zu gerne würden wir den Beiden in ihren zerrissenen Jacken Brot geben, doch wir haben selber keines, gestern war ja Sonntag. Sie bedanken sich dennoch lachend und gehen wieder ihrer Wege. Welche Armut!

Die Fahrt ist sehr entspannt. Es hat extrem wenig Verkehr, nur hin und wieder kommen ein Auto oder ein paar Namibische LKWs entgegen.
Lubango, unser erstes Ziel der Reise, ist eine der größeren Städte des Landes und liegt auf einem Hochplateau. Langsam steigen wir auf 1760 Meter hinauf. Angenehm kühl ist es hier oben. Die Stadt ist schwer zu beschreiben. Einerseits auf den ersten Blick afrikanisch, andererseits wirkt es durch die Häuser aber auch europäisch. Doch es ist viel schmutziger, als alles, was wir bisher gesehen haben. Flächendeckend liegt der Müll und Hunde sowie Kinder wühlen darin. Es stinkt abartig. Wir möchten nicht wissen, wie sehr, wenn es erst einmal heiß wird.
 
Der Schwarzmarkt im Zentrum der Stadt ist schnell gefunden, das Geldwechseln erstaunlich einfach. In einem nahegelegenen Einkaufszentrum wollen wir eine Telefonkarte erstehen. Bereits auf dem Parkplatz kommen uns die Umstände nicht ganz geheuer vor. Während Klaus im Wagen bleibt, geh ich kurz rein, um mich umzuschauen. Als ich wieder rauskomme, sind die LKW-Türen verriegelt und der Wagen von Jungs umzingelt. Ich bin eben wieder eingestiegen, als uns einer mit der Verschlusskappe unseres Spritzwasser Tanks vor der Scheibe rumfuchtelt. „Give me money for it!“ Klaus gibt Gas. Chancenlos, jagen wir ihn mit dem Truck über den Parkplatz. Er springt über eine Absperrung und weg ist er. So ein Depp! Diese Kappen sind so schwer zu bekommen. Ein wenig gefrustet ob der Situation fahren wir zur nächsten Shopping Mall. Hier schaut die Sache ganz anders aus, hier sind keine aggressiven, herumlungernden Halbstarken. Und hier bekommen wir auch unsere Simkarte, bevor wir im nagelneuen Supermarkt die Lebensmittelpreise und das Warenangebot recherchieren.
Wer kennt sie nicht die Christus Statue in Rio de Janeiro? Hier in Lubango steht die angeblich drittgrößte Statue dieser Art. Ehrlich? Wir haben sie uns größer vorgestellt. Doch im Licht der untergehenden Sonne ist es auch so eine beeindruckende Figur.


Die Unterschiede in der Stadt könnten extremer nicht sein. Zum einen dieser nagelneue Komplex in dem wir gerade Einkaufen waren, zum anderen beobachten wir Menschen, wie sie aus Müllcontainern Reste essen, Frauen und Kinder, die den Müll zwischen den Häusern mit den Händen durchsuchen, in der Hoffnung etwas Essbares oder, wenn sie Glück haben, etwas Verwertbares zu finden, was sie zu Geld machen können. Und dann wieder sehen wir Fahrzeuge der Luxusklasse, sowie edle Wohnhäuser. Als wir weiterfahren, erwischen wir eine Ausfallstraße durch die Wohngebiete, die sich als wahre Offroadstrecke entpuppt, und dies mitten in der Stadt.

Im Westen von Lubango fällt das Hochland fast eintausend Meter in eine darunterliegende Ebene ab. Eine geteerte und zum Schluss neu gepflasterte Straße windet sich durch eigenartige skurrile Felsformationen auf dieses Plateau hinauf auf 2350 Meter. An einem Parkplatz endet die Straße plötzlich. Wir sind in Tundavala. Noch ein paar Schritte zu Fuß und wir stehen an einer senkrechten Abbruchkante. Hier geht es sage und schreibe 1000 Meter runter. Im Licht der untergehenden Sonne genießen wir einen phantastischen Blick.

Leider hat Klaus mit einer Magenverstimmung zu kämpfen, ihm steht der Sinn so gar nicht nach steilen Abbruchkanten und schreienden Adlern, die im Segelflug ihr Revier absuchen. Er will nur seine Ruhe, und die haben wir hier oben sicherlich.
Nachdem es Klaus nach zwei Tagen wieder besser geht, verlassen wir unser „Höhenlager“ und wollen wieder hinunter nach Lubango, um unsere Freunde Paulo und Dio zu treffen. Die Beiden betreiben unter anderem einen kleinen Campingplatz auf dem Weg nach Tundavala. Doch leider hat es jetzt auch noch mich erwischt mit der Magenverstimmung und auch ich liege einen Tag flach. Ein guter Grund diesen Tag auf dem Campingplatz auszuharren und den „Zwangsaufenthalt“ für einen Waschtag zu nutzen. Unseren Freund Paulo, der uns auch schon die Einladung für unsere Visa ausgestellt hat, treffen wir erst, nachdem Magenverstimmung und Durchfall weitestgehend auskuriert sind. Von ihm erhalten wir viele Tipps und erfahren interessante Dinge zur Gegend.

Paulos Familie kam vor drei Generationen aus Madeira nach Angola. Natürlich kommt das Gespräch auch auf den fürchterlichen Bürgerkrieg. Paulo ist in Huambo, in der Mitte des großen Landes geboren und hat während des Krieges in Luanda gelebt. Wir merken schnell, dass er nicht tiefer in das Thema einsteigen will und respektieren das natürlich. Die Leute wollen endlich nach vorne schauen und nicht mehr in diesen Greuelzeiten wühlen. Wir erleben eine nette Zeit mit ihm, seiner Frau Sarah und ihren Kindern. Nachdem unser Tank mit frischem, glasklarem Quellwasser aus den Bergen gefüllt ist, treffen wir uns nochmals in einem nahegelegenen Restaurant eines Schweizers zum RACLETTE essen, lecker!! Wir decken uns noch mit Käse und Joghurt aus eigener Produktion ein, bevor es nach einem herzlichen Abschied weiter ans Meer geht.

Obwohl Angola der zweitgrößte Ölproduzent Afrikas ist, gibt es im Land kaum Diesel und wenn dann eine Tankstelle doch einmal beliefert wird, gibt es lange Schlangen. Wir mussten in Lubango fast zwei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen bis wir fertig waren.

Westlich von Lubango fährt man in Richtung Atlantik über die, mit Sicherheit schönste Straße Angolas, den Leba Pass, eine wahre Ingenieursleistung. Steil in den Berg gebaut, überwindet die Straße in engen Serpentinen auf einer Länge von 19 Kilometern beachtliche 1000 Höhenmeter. Das Hochland und damit auch die Kälte bzw. die angenehme Temperatur der Berge liegen hinter uns. Ansonsten hat die Landschaft nicht viel zu beten. Buschwald soweit das Auge reicht.

Doch hier gibt es sie wieder, die bunten Straßenmärkte auf denen Obst, Gemüse und Bruzzelndes vom Grill angeboten wird. Auch begegnen wir erneut den Menschen des Stammes der „Semba“, die wir auch in Nordnamibia schon gesehen haben. Die Fußfesseln der Frauen zieren viele Messingringe und die Brüste sind mit einem Riemen so eng geschnürt, dass es mir schon beim Hinschauen weh tut. Beide Geschlechter tragen ein buntes Tuch um die Hüften. Die spitz abgeschliffenen Schneidezähne bei den Frauen sind wohl eines der vielen, für uns unverständlichen, Schönheitsmerkmale. Es sind feingliederige Menschen, ohne jegliche negroide Züge, teilweise mit sehr hübschen Gesichtern. Gelegentlich werden uns am Straßenrand oder an solchen Märkten Schenkel frisch geschlachteter Tiere entgegen gehalten. Sorry, unser Speiseplan sieht heute etwas anderes vor.


Je weiter wir nach Osten kommen, immer entlang einer relativ neuen Eisenbahntrasse, umso mehr verschwinden die Büsche, es wird karger. Sand und Granithügel bestimmen das Bild, alles endet letztlich in einem riesigen Geröllfeld. Mit der 750km langen Eisenbahn wird Eisenerz aus den Abbaugebieten im Landesinnern an den Hafen in Namibe gebracht. Wahllos und flächendeckend in der Gegend rumliegender Müll weist uns die Nähe der Stadt Namibe, es war einmal die drittgrößte Hafenstadt Angolas. Auch hier sorgt der kalte Benguela Strom im Atlantik für gemäßigte Temperaturen, ähnlich wie in Namibia.

In dieser Stadt treffen wir Varito und seinen Vater Alvaro, um unsere weitere Routenplanung zu besprechen. Paulo hat uns diesen Kontakt vermittelt. Die Familie besitzt weiter südlich eine Farm mit Lodge und wir sind herzlich eingeladen dort zu übernachten. Die beiden kennen die Strecken im Süden wie ihre Westentaschen, kennen die Straßenverhältnisse und Besonderheiten und können uns zuverlässig Auskunft darüber geben, ob die Strecke mit dem Truck machbar ist. Wir waren skeptisch, ob der Möglichkeiten mit dem Truck in den Süden bzw. in die Namibwüste fahren zu können. Wir haben zu viele schlechte Informationen, wie enge Fahrspuren, reifenmordende messerscharfe Steine und vieles mehr erhalten. Mit wertvollen Tipps ausgestattet verabschieden wir uns.

Rein prophylaktisch machen wir noch einen Abstecher in das Immigration Büro, um uns nach dem Procedere der Visaverlängerung zu erkundigen. Dies nur für den Fall, dass wir unvorhergesehen länger im Süden bleiben als gedacht. Die freundlichen Beamten geben ausführlich Auskunft. Und so machen wir uns auf den Weg, folgen der sehr guten Teerstraße durch karge Landschaft in die kleine Fischerstadt Tombue. Eine typischer Fischerort mit einem kargen Markt, viel Gestank und viel Müll. Nicht wirklich schön anzuschauen.

Wir sind in einem Land, das nicht so richtig in die afrikanische Schablone passen will. Einerseits viele schwarze Einwohner, typische Märkte, bunte Farben. Dann aber auch viele Portugiesen, deren Familien seit Generationen in Angola leben. Aus den Lautsprechern in den Supermärkten schallen lateinamerikanische Rhythmen, viele Häuser lassen den kolonialen Stil noch stark erkennen. Die portugiesische Vergangenheit ist im Land noch deutlich sichtbar.

In der Nähe von Tombue, liegt „Lake Arco“. Es ist ein ausgetrockneter fossiler See, der uns mit bizarren Sandstein Formationen überrascht. Bis vor einigen Jahren, war an dieser Stelle einmal ein großer See, später dann waren es nur noch 3 Lagunen und heute ist alles ausgetrocknet. Der junge Mann, den wir hier kennenlernen, vermittelt uns, dass es circa 6 Jahre zurück das letzte Wasser im See gab. Nur nach sehr langen Regenperioden hält sich das Wasser in den Senken. Heute leben 31 Familien im Tal. Der Grund des Sees wurde zu ihrem Weidegrund und mit Touristenführungen zu den schönsten Auswaschungen verdienen sie ein Zubrot. Das Grundwasser wird mittels solarbetriebener Pumpe nach oben gefördert.

Durch eine, mit skurrilen Sandstein-Formationen geprägte Wüstenlandschaft fahren wir in Richtung Süden. Schon nach ein paar Kilometern erreichen wir die „Red Rocks“. Gebilde aus rotem Sandstein, wie wir sie sonst nirgends vorfinden, in absonderlichen Formen, durch jahrelangen Wind geformt und ausgebarbeitet. Phantastisch! Aus Sandwüste wird Steinwüste und ab hier wachsen hunderte Welwitschias. Es ist keine schöne, aber eine außerordentliche Pflanze, die in dieser Trockenheit und Öde existieren kann, weil sie über ihre großen Blätter und den großen Blütenstand die Feuchtigkeit der Nacht aufnimmt. So kann sie mehrere hundert Jahre alt werden.

Wir erreichen die Farm „Omauha“ von unseren Freunden. Marinho, der Verwalter holt uns am verschlossenen Tor ab, und kaum stehen wir, hat er es eilig, uns ganz stolz die Schlangen der Farm zu zeigen. In einem großen Gehege halten die Baptistas eine, mehr als 3 Meter lange, südafrikanische Python, die durchaus als aggressiv einzustufen ist wie uns Marinho erklärt. Etwas abseits in einer Tonne zeigt er uns zwei junge Anchietta Pythons, die angolanische Zwergpython, die es nur hier im Süden Angolas und im Norden Namibias gibt. Unter Liebhabern bringt diese Schlange bis zu 50.000 € (!).auf dem Schwarzmarkt. Varito erzählt uns später, dass es in dem Gebiet um die Farm sehr viele verschiedene Schlangen gibt, und sie planen, u.a. auch für Forscher, einen kleinen Schlangenpark anzulegen.
Gleich am nächsten Morgen machen wir uns auf den weiteren Weg in den Iona Nationalpark. Ein weithin sichtbarer Ausguck, mehrere neu gebaute Gebäude, zudem ein Schild „von EU Geldern finanziert“, zwei zerbrochene Pylonen, die als Schranke dienen, das ist „Salondjambo“, der Haupteingang zum Park. Zwei freundliche und gründlich arbeitende Parkaufseher, die sich über Abwechslung freuen, stellen, nachdem wir den Eintritt von 3.500 Kwanza, ca. 9€ bezahlt haben, die Pylonen zur Seite und winken uns durch.


In Angola kann man keine Park-Infrastruktur wie in Botswana oder Südafrika erwarten, es gibt keine ausgewiesenen Zeltplätze und Tiere sind auch nur wenige zu sehen. Viele Arten sind durch den langen Krieg und die damit verbundene Wilderei sehr scheu oder ganz verschwunden. Die Landschaft jedoch ist beeindruckend, sehr ähnlich der im Hartmanns Tal oder Marienflussgebiet in Namibia. Die Gegend ist menschenleer. Nur selten verirren sich Touristen hierher, meist im Rahmen einer geführten Tour. Und, alle paar Wochen kommt ein Polizei-LKW hier durch, um den Außenposten am Grenzfluss zu versorgen. Das wiederum ist unser Vorteil, denn deswegen, und das war uns wichtig vor dem Start in Erfahrung zu bringen, passen auch wir gut in die sandigen, bzw. oft sehr steinigen Spuren.

In einem besonders engen Stück auf einem Bergrücken, wir müssen beide seitlich aus dem Fenster schauen, um durch die scharfkantigen Steine zirkeln zu können, höre ich plötzlich das altbekannte „tschtsch“ bei jeder Umdrehung des hinteren rechten Rades. Mist! Im Kaokoland in Namibia haben wir uns einen Schnitt an der Seitenwange des Reifens eingefahren. Und genaue dieser Riss ist jetzt aufgebrochen, zumindest so, dass, wenn der Riss unten ist, die Luft raus bläst. Wir wechseln das Rad. Hoffentlich ist der Reifen noch zu retten, er ist so gut wie neu, genauer gesagt 3268 km alt. Eineinhalb Stunden später ist alles erledigt und wir fahren lediglich noch ein kleines Stück aus den Bergen heraus, um einen offenen, schönen Schlafplatz zu finden.

Es ist eine mühsame Fahrerei, langsam, Kilometer für Kilometer, kommen wir voran in Richtung der Bergkette, die wir von Namibia aus bereits gesehen haben. Immer wieder müssen wir durch Geröllfelder mit scharfkantigen Schieferplatten, die aus dem Boden stehen, fahren. Auf den Flächen neben uns sehen wir immer wieder Welwitschias, es sind tausende, die in dieser Steinwüste wachsen.

Plötzlich escheinen in der flirrenden Ferne ein paar weiße Häuser. Das muss Espinheira sein. Auf der Karte eingetragen wie ein größeres Dorf, ist es lediglich eine Parkstation mit einigen Containerhäusern. Natürlich steigen wir aus, ein kurzer Tratsch muss drin sein. Der diensthabende Beamte ist ganz angetan von uns, den Besuchern aus Deutschland, und brilliert mit ein paar Wörtern in unserer Sprache.

Über weite Ebenen, ohne besondere landschaftliche Merkmale, fahren wir, bis wir schließlich ein Dünenmeer vor uns sehen. Wir haben die Wüste erreicht, die „Deserto de Mocamedes“, das Pendant zur Namib in Namibia. Zwischen hunderten Spuren, suchen wir unsere, noch etwa 50km liegen vor uns. Dann, in der Ferne, tauchen ein paar zerfallene Häuser auf, dahinter die großen Dünen der Namib. Das muss der Ort, oder besser die Polizeistation „Foz do Cunene“ sein. Die armen Teufel, sie sind hier wahrlich am Ende der Welt. Es ist kalt, ein starker Wind pfeift vom Atlantik her. Sie tragen dicke Wollmützen und dicke Pullover, doch die dick besockten Füße stecken lediglich in „Flipflops“. Warum Schuhe anziehen? Hier kommen nicht viele Passanten vorbei, die zu registrieren wären. Ob wir Zigaretten hätten? Nein, aber Tabak haben wir. Und da leuchten die Augen.

Noch etwa 5 km weiter und wir sind am Strand. Am Atlantik, dort wo der Kunene nach seinem langen Weg ins Meer fließt. Der Fluss ist breit und auf dem, vom Wind aufgepeitschten Wasser tanzen weiße Schaumkronen. Auf Namibia Seite stehen die Häuser und Hallen einer Forschungsstation und die gewaltigen Sanddünen enden direkt in dem Wasser des Grenzflusses. Noch vor ein paar Wochen waren wir auf der anderen Seite des Kunene nicht weit von hier, im Hartmanns Tal.
 
Schräg gegen den starken Wind gelehnt, laufen wir zur Mündung des Kunene. Es öffnet sich ein großes Delta, eine Lagune, ein richtiges Tierparadies, Pelikane, Möwen, Kormorane und Reiher. Durch die Sedimente und Algen, die der Fluss mit sich bringt, ist es sehr fischreich in der Lagune und aus diesem Grund zieht es die vielen Vögel hierher. Hunderte Schildkröten, tummeln sich ebenfalls in der Meeresöffnung. Immer wieder blitzen ihre großen Köpfe zwischen den Schaumkronen der Wellen hervor. Gerade so als würden sie spielen. Es ist ein grandioses Schauspiel.

Leider müssen wir dieselbe Strecke zurückfahren, die wir gekommen sind. Der Weg am Meer, entlang der großen Dünen zurück nach Namibe, wäre für uns mit dem Truck viel zu gefährlich. Rico, von der Flamingo Lodge, den wir vor unserer Abfahrt noch in Namibe getroffen haben, hat uns bereits gewarnt. Er kam gerade von einem Trip von dort zurück und sagte, dass wir aufgrund vieler freigelegter Felsen und schier unüberwindbarer Sandzungen mit Sicherheit das Fahrzeug riskieren würden. Auch Varito und Alvaro haben uns dringendst abgeraten diese Strecke zu fahren.

Es ist windstill an diesem Morgen, die Landschaft nehmen wir heute ganz anders wahr. Langsam, fast im Schritttempo schaukeln wir erneut über die Sandhügel und Steine durch das Sandmeer der Deserto de Mocamedes. Im Hintergrund, im gleißenden Sonnenlicht, die hohen Dünen der Namib, die ihre Konturen im Dunst verlieren. Nach knapp 50 km liegt das Sandmeer hinter uns und wir erreichen das weite steinige Plateau rund um Espinheira. Wir treffen Bruce. Er ist eigentlich aus Zimbabwe und der verantwortliche Projektleiter der Europäischen Union, die das gesamte Park-Projekt finanziert. Seit drei Jahren lebt und arbeitet er in dieser Abgeschiedenheit. Heute klagt er uns sein Leid, klagt über das Desinteresse der verantwortlichen Politiker, die Korruption und die Südafrikaner, „die in Horden hierherkommen, nur um Lagerfeuer zu machen, zu trinken und dann ihren Müll zu hinterlassen“. Zum Projekt gehört es auch, den im Nachbartal lebenden Himbas zu ermöglichen, ihre traditionelle Lebensweise fortzuführen. Er scheint verbittert und dem Alkohol sehr zugetan. In einem Jahr schließt die EU das Projekt endgültig, dann wird das Wenige, das er schaffen konnte sehr wahrscheinlich auch wieder den „angolanischen Umständen“ zum Opfer fallen.




Zurück in Namibe besuchen wir Alvaro und Varito wieder. Bei einem Bierchen erzählt uns der Vater, dass er bereits die dritte Generation in Angola ist und er seit er 11 Jahre alt ist in dieser Stadt lebt. „Damals sind die Hyänen noch durch das Dorf gezogen.“ Heute gehen die Geschäfte schlecht, der Laden für Agrar- und Fischereibedarf ist fast leer. Der Anbau auf der Farm, etwas nördlich von Namibe, ist still gelegt. Von der Bank werden keine Devisen für Neubestellungen im Ausland zur Verfügung gestellt. Der Ölpreisverfall und die bereits angesprochene offene Korruption, dies alles führt zu Devisenmangel. Angolas Wirtschaft steht am Abgrund, es gibt keine Investoren. Und jetzt stehen auch noch Präsidentschaftswahlen vor der Tür. Man konzentriert sich nun auf andere Geschäfte. Für Forscherteams (z.B. Schlangen) und Teams von u.a. National Geographics organisiert man Camps, Catering und Infrastruktur. Oder man organisiert Touren für Touristen, die sich ins Land „verirren“.

Den Menschen sieht man die Lage an. Wie oft sehen wir Männer wie Frauen desillusioniert, fast traurig vor ihren Hütten, oder einfach nur an der Straße sitzen. Lacht man sie an, winkt man ihnen zu kommt stets ein schüchternes Lachen zurück. In Städten und Orten werden wir offen und oft angebettelt. Es ist kein aufdringliches Betteln, aber dennoch. Der tägliche Kampf ums Überleben, die Familie zu ernähren, er ist zermürbend. Arbeitslosigkeit? Es gibt keine, oder nur wenige Jobs in Angola. Wo auch?

In dem kleinen Fischerörtchen Babe, abseits der Hauptroute, hinter scharfkantigen Felsen in einer schönen Bucht gelegen, bekommen wir drastische Unterschiede vor Augen geführt. Mitten in dem kleinen Dorf stehen hinter palmenbestandenen Einfahrten nagelneue Flachdachbungalows mit Swimmingpool und Hightech Küchen. Und, da steht nicht nur ein Bungalow, nein, drei, vier, fünf nebeneinander. Es sind Ferienhäuser von Geschäftsleuten aus Lubango. Direkt daneben die teilweise zerfallenen Behausungen der Fischer, diese schlafen teilweise sogar in einfachen Zelten. Die Boote, bzw. die maroden und reparierten Holzkähne, müssen täglich ihren Zweck erfüllen und haben keinen Platz in der neuen, von Wind und Wetter bereits wieder versandenden Marina.

Wir laufen durch den kleinen Ort. Hier bettelt niemand. Im Gegenteil, die Menschen grüßen uns freundlich, heißen uns willkommen. Zaghaft erwidern sie unser „bem tarde“ und gehen weiter ihrer Arbeit nach. Am Strand beobachten wir Frauen die, ihre Babys auf den Rücken gebunden, wannenweise Fisch schuppen und putzen, um diese tags drauf auf umliegende Märkte zu schicken. Kalt ist es, das Thermometer steigt nicht über 20 Grad und die tiefliegenden Wolken erdrücken auch ein wenig die Stimmung. Die Landschaften bisher waren gewaltig, einzigartige Konstrukte der Natur. Schroffe Wüstenlandschaften durchzogen von Flussläufen, deren Grundwasser den kargen Anbau von Gemüse und Bananen ermöglicht. Dazwischen schroffe, kantige Steilküsten, die wir nur auf steilen steinigen Abfahrten überwinden können. Die Straßen oder das, was den Namen eigentlich nicht verdient, häufig so schlecht, dass wir viel Geduld und gute Nerven brauchen, um uns Kilometer um Kilometer mehr schaukelnd als fahrend fortzubewegen. Dazwischen immer wieder abstoßender und stinkender Müll und Dreck der, so scheint es, wahllos vor Städten und Orten in die Landschaft gebracht wird. Wahrlich kein Wunder, dass Angola immer wieder von Choleraepidemien heimgesucht wird und selbst Lepra hier noch gute Nährboden findet.

Es ist traurig. Das Land beschäftigt uns, so sehr uns die Weite und die Freundlichkeit der Menschen auch gefällt. Dieses Land hat so unglaublich viel zu bieten: riesige Öl- und Gasvorkommen, die viertgrößte Diamantenmine der Welt, viele andere Bodenschätze, fruchtbare Erde und jede Menge Wasser. Der Fisch stinkt, wie so oft, vom Kopf. Ein stark autoritäres Präsidialsystem und ein verheerendes Maß an offener Korruption lassen der Bevölkerung nicht viel Gutes zu Teil werden. Ein Schulsystem, das ohne Material und stellenweise ohne Lehrer auskommen muss, weil diese nicht entlohnt werden. Medizinische Versorgung, die quasi nicht vorhanden ist. Das neue Hospital in Namibe steht leer, es kann mangels Ausstattung und Personal nicht in Betrieb genommen werden. Wer es sich leisten kann, fährt im Krankheitsfall, zur Vorsorge oder wegen Geburten nach Namibia oder Südafrika. Wer das nicht kann? Pech gehabt.


Mit diesen Gedanken erreichen wir Bentiaba. In einer wunderschönen, total ursprünglichen Bucht hat Fael sein Camp. Von Oktober bis April beschützt er in dieser Bucht Schildkröten, die jedes Jahr wiederkommen, um ihre Eier hier abzulegen, wo auch sie geschlüpft sind. Zu anderen Zeiten wird das Camp häufig zum Basislager für Archäologen und Wissenschaftler aus aller Welt. Und wir haben Glück. Als wir bei Fael ankommen sind Archäologen aus USA gerade am Packen. Wir sehen noch das eine oder andere eingegipste Stück Fund.
 
In Angola und ganz besonders an diesem Stück Küste finden sich Besonderheiten aus von vor 90-70 Millionen (!) Jahren. Riesige Knochenfunde wurden und werden hier ausgegraben, vergipst und nach USA verfrachtet, wo die Gebeine gereinigt, untersucht und zu Ausstellungsstücken für das Nationalmuseum in Washington aufgebaut werden. Für uns eine seltene Gelegenheit so nah an derartige Geschehnisse ran zu kommen und mit den Archäologen zu sprechen. Mehr dazu auf AKTUELL unter Paleoangola.
 
Fael und seine Familie nimmt uns ganz herzlich auf und gemeinsam unternehmen wir einen Ausflug zu den Ausgrabungsorten. Wir Laien erkennen dort nicht viel, nur dass gegraben wurde. Doch wir finden jede Menge, teilweise versteinerte, Haifischzähne und anderes. Louis Jacobs erklärt uns, daß die xxxx hier von Haifischen angegriffen wurden, bzw. auch zur Beute gehörten, und dies sind nun die unverdaulichen Reste. Einfach spannend!
Nach zwei entspannten Tagen verlassen wir diesen Bilderbuch Strand. Noch lange gehen uns die Gespräche mit Louis und Mike durch den Kopf. Zeitspannen von 90-70 Millionen Jahre sind für uns einfach unvorstellbar.
 
Auf dem weiteren Weg nach Norden passieren wir große Tomatenplantagen und kaufen direkt vom Feld. Wir wundern uns unter welchen Bedingungen und in welchen Behausungen die Menschen leben. Die kleinen Hütten sind so ziemlich aus allem zusammen geschustert, was der Müllberg so hergibt, angefangen von Plastikresten. Selten haben wir auf unserer Reise derartige Umstände gesehen.
 
Nur ein kurzes Stück von ca. 45 km können wir uns an einer guten Teerstraße erfreuen, bevor es wieder grob steinig und schauklig wird und wir auf steilen Wegen die Bucht von Binga Bay erreichen. Erneut eine Traumbucht! Feinkörniger Sandstrand, kristallklares Wasser, einsam gelegen, nur vier Fischer leben mit ihren Familien hier in einer armseligen Behausung. Als wir ankommen, es ist Sonntagabend, verlassen gerade 8 Männern mit einheimischen Pickups die Bucht. Sie waren übers Wochenende aus Benguela hier zum Fischen. Jetzt sind wir abgesehen von den Fischern, alleine in der Bucht. Lediglich die äußeren Bedingungen wollen so gar nicht passen. Bei 20 Grad und dunkel bedecktem Himmel sitzen wir im Faserpelz vor unserem LKW und trinken unser Bierchen.

Heute ist der erste Tag, an dem der Küstenhochnebel, der sogenannte „Cazimba“ der Sonne gewichen ist. Wir verbringen einen wunderschönen, entspannten Tag in „unserer Bucht“, machen einen langen, ausgiebigen Strandspaziergang, kaufen Fisch direkt vom Boot und lesen.

Am nächsten Morgen, die Fischer haben bereits in der Nacht die Pakete getrockneten Fisch auf ein Boot verladen und die Bucht in Richtung Benguela verlassen, der Cazimba hat sie übrigens erneut fest im Griff, verlassen wir die schöne Bucht. Für weitere 50 Kilometer schinden wir unseren „Kleinen“ über ausgefahrene, steinige, steile Pisten bis wir die Erlösung wie eine Fata Morgana hinter einer Kurve auftauchen sehen. Eine Teerstraße! Was für eine Wohltat! Seit wir Namibe verlassen haben, fahren wir durch mehr oder weniger menschenleeres Gebiet. Ein paar fruchtbare Täler, ein paar Fischerorte, kaum Verkehr, ab und zu ein paar Kleinlaster mit Tomaten beladen. Dazwischen hin und wieder ein Funkturm an dem ein Wärter mit seiner Familie lebt. Dieses Land ist so unglaublich dünn besiedelt.

Fast unerwartet werden wir aus einer, aus Sand und Steinen bestehenden, Eintönigkeit gerissen, als wir das Tal von Dombe Grande erreichen. Wie eine grüne Oase liegt es vor uns. Große Felder, hunderte Palmen und Bäume und - Menschen.
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BILDERGALERIEN - Angola

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